Allgemeinsaetze
Am Samstag war ich mit nem indischen Sechstsemester unterwegs, der in Zimbabwe geboren ist und sein restliches Leben bisher in Suedafrika verbracht hat, jetzt nur zum Studieren in die eigentliche Heimat nach Kerala gekommen ist.
Als ich ihm eine Beschreibung meines halbindischen Freundes Gidon gegeben habe, meinte er trocken:
"Loves the movies, gives drinks for free - sounds like a real Mayalali".
(Anm: "Mayalali"= die Leute, die Malayalam sprechen + die BEwohner Keralas...)
georgy_buechner - 20. Aug, 12:06
Gestern war das Keralanische Neujahr und auch wenn das, im Gegensatz zu allen anderen moeglichen und unmoeglichen Anlaessen, bei denen der schoene Satz "man muss die Feste feiern wie sie fallen" greift, nicht mit grossem Trara begangen wurde, hatte es doch direkte Auswirkungen auf mich.
Denn es ist ein alter Glaube, dass wer am ersten Tag des Jahres ins Krankenhaus kommt, dort das ganze Jahr ueber bleiben wird.
Infolgedessen war die Notaufnahme den ganzen Tag ueber wie ausgestorben. Nur ein Betrunkener mit Kopfplatzwunde, der wohl eher weniger wusste, was fuer ein Tag/Monat/Jahr gerade ist und ein armer alter Mann, dessen Erysipel sich zu einer Sepsis, die sich gewaschen hat entwickelt hatte.
Und dann ward es 23.30 und mit einem Mal stroemten die Patienten wie nichts zweites herein, alle diejenigen, die schlichtweg nicht mehr warten konnten, oder, auch das ist moeglich, dachten, es sei bereits zwoelf, denn eine weitere Erfahrung ist: jede Uhr, die ich sehe, zeigt eine andere Zeit an, so dass meine Uhr manchmal 15min vor und manchmal 15min nachgeht. Jedenfalls war nach 12 im Urwald Polen offen...
georgy_buechner - 18. Aug, 09:54
Wer in Deutschland ein Alkoholproblem bei der Aufnahme attestiert bekommt, erhaelt das schlichte Kuerzel C2 fuer (C2H5OH) in seiner Akte. Wer abends in die Notaufnahme kommt und vom Moped gefallen ist, hat ein Alkoholproblem. Weil die Studenten dazu aber immer nichts sagen wollten, damit die Angehoerigen, die in der Regel in Scharen den Verletzten begleiten, sich nicht dumm angemacht fuehlen, habe ich denen eben diese Abkuerzung beigebracht und jetzt verwendet sie hier jeder, zumindest um sich gegenseitig klarzumachen, was Sache ist...
georgy_buechner - 17. Aug, 13:24
Jeder, aber ausnahmslos jeder hier ist besorgt, dass man vom Fleisch faellt. Wenn man morgens in die Ambulanz kommt, fragen sie einen, "Had your food?" - Haste schon gefruehstueckt? Um zwoelf fragen sie, ob man lunchen will, treffen sie einen auf der Strasse, kommt nach "Hello" gleich "had your food?" und abends in der Notaufnahme lassen sie einen auch nur arbeiten, wenn man versichern kann, dass man schon gegessen hat. Im Rahmen meiner Versuche ein paar Worte Malayalam zu lernen war denn auch die dritte Redewendung, die sie mir beibringen wollten (abgesehen von medizinischen Termini wie "verdena" - Schmerzen, "Paini" - Fieber und "Somatsche" - Husten), nach "wie heisst du?" und "wie alt bist du?" "Kaitscho - Had your food?".
Darauf antwortet man dann entweder: "Kaitscho - Had my food" oder "Vernam - Ja", was dann soviel heisst wie, "Ja, ich will jetzt was essen."
Guten Appetit.
georgy_buechner - 17. Aug, 13:16
Sechzig Jahre Indien haben sie gestern gefeiert. Und dazu wird marschiert. In Uniformen. Eine Delegation an Studenten aus jedem Fachbereich (Nursing, Pharmacy, Medicine, Dentistry), je eine Kohorte maennlich und weiblich plus die Securities. Und dann wird vor der Fahne gestampft. Zu "Left, left, left right left." Gut, dass man die Kommandos in der Sprache der Unterdruecker gibt...

georgy_buechner - 16. Aug, 11:22
Interessant:
Nach jeder Frage, sagen die Professoren: "heard of?" und wollen so wissen, ob man von dieser oder jener Krankheit Ahnung hat. Das fragen sie auch mal zwischenrein waehrend sie dann die Sache erklaeren.
Wenn die Aerzte dann auf Malayalam die Patienten ueber eine Prozedur aufklaeren, sagen sie am Ende auch "heard of?" - hab ich am Anfang gedacht... Mittlerweile bin ich aufgeklaert: die Aerzte sagen "Kerdo?", was genauso klingt wie "Heard of" im indisch-englisch. Und was heisst "Kerdo?" - Nun, in diesem Zusammenhang: "hast du verstanden?". Wahrscheinlich fragen sie deshalb auch "Heard of?", wenn sie einem auf englisch was erklaert haben und wissen wollen, ob man's jetzt geschnallt hat.
Was haelste davon, Michael, du, der du ohnehin der einzige bist, der diesen Blog liest?
georgy_buechner - 13. Aug, 16:02
Gestern einen Priester als Patient gehabt, der deutsch sprach, weil er ein halbes Jahr in Koeln am missionieren war. Er habe Koeln besucht, Mannheim, Muenchen, Stuttgart. Auf den Hinweis, dass meine Schwester in Tuebingen Theologie studiere, sagte er doch tatsaechlich: oh ja, da war ich auch fuer ein paar Wochen, aber ich bin geworden - wie sagt man - psychally depressed. The sun is never shining there. Alles Nebel...
Der indische Priester muss es wissen, Lena!
georgy_buechner - 9. Aug, 13:00
Hereinspaziert.
Der Teubner hat sich einmal mehr von einer unsaeglichen Ausgeburt des Internets ueberzeugen lassen und, hier gleich mit dem ersten Schillerzitat beginnend, dass auswendig getippt womoeglich etwas holpern mag,
"weit bessre Maenner tun's dem Tell nicht gleich / es gibt kein zweiten wie der's ist im Gebirge."
findet sich in den ersten Zeilen des jungfraelichen Blogs auch die Anspielung, wessen heilige Seiten mich wohl angespornt haben koennten, eben solche selbst zu verfassen. Und wie der findigen Interpretator herausgefunden haben mag, soll eben dieses Schillerzitat davon zeugen, dass sich mein Blog nur im Schatten des Irrgartens bewegen kann.
Verstaendlich, denn zwoeinhalb Monate "The India", wie man in Hyderabad, sozusagen im Herzen des Landes und im zumindest vom Lonely Planet als ueberfluessigen Staat abgekanzelten Andrha Pradesh gelegen, in dem ich demzufolge auch nur diese eine Stadt besucht habe und das vor Wochen, zu sagen pflegt (man bedient sich des Artikels vor dem Namen des eigenen Landes bei jeder Gelegenheit, waehrend andererseits niemand "the Germany" oder "the Saudi-Arabia" sagt), zwoeinhalb Monate "the India" also, sind eben noch nicht einmal ein Vierteljahr und somit eine Zeitspanne, in der es den meisten Menschen doch recht schwer fallen duerfte, mich so ausgepraegt zu vermissen, dass sie eigentlich, Traenen der Einsamkeit, von der immerwaehrenden Stille, die die Abwesenheit meiner Wenigkeit fuer gewoehnlich mit sich bringt, umgeben, vor dem Computer vergiessend, nur auf diesen Blog gewartet haben.
Fuer alle, die meinen Stil schon seit der Schule gut finden und bereits jetzt ein "es lebe der Schachtelsatz" ausgerufen haben, sei aber versichert: ich werde mir Muehe geben...
Nur soviel zum Schluss, um den Blog einmal mehr seiner Unsinnigkeit zu bezichtigen: Es sind ja nun immerhin schon ein Monat vergangen, seit ich in Mumbai gelandet bin und jetzt noch damit anzufangen, macht eigentlich nur Sinn, weil ich ab sofort erst einmal sechs Wochen sesshaft sein werde. Ich wohne ab heute im Junior Doctors Hostel. Auf dem Campus des Pushpagiri Medical College. Drei Minuten Walking Distance vom O.P. (nicht "Operationssaal", der heisst, trara: O.T. - Operation Theatre" - na, klingelt's?!, sondern O.P. - Out Patient Clinic - sprich, in meinem Falle, chirurgische Ambulanz). Fuer 1000 Rs pro Monat. Das sind 17 EURO. Dafuer duscht man auch mal kalt.
Sagschn Gruss daheim.
Mr. Tobias
georgy_buechner - 6. Aug, 15:51