Allgemeinsaetze
Eines der wichtigsten Woerter in malayalam: madi - genug. Wird am Tag tausendmal gebraucht. Am schoensten aber ist es, wenn ein Kind einen Gips angelegt bekommt und unter Traenen aus voller Brust durch die Casualty schreit: "MAADI! MAADI!"
georgy_buechner - 5. Sep, 10:00
An all die Lehrerinnen und Lehrer da draussen, an alle Lehramtsstudentinnen: Happy Teachers Day. Ja, da schaut ihr, was? Einmal mehr hat der Inder zugeschlagen und einen mehr oder weniger ueberfluessigen working holiday geschaffen, soll heissen, es wird zwar gearbeitet, aber feiern/wild durch die Gegend gratulieren darf man trotzdem.
Dass das Happy Teachers Day-gewuensche natuerlich auch ein bisschen was vom Absolutismus in seiner reinsten Form hat, ist selbsterklaerend, wenn man bedenkt, was fuer eine Scheissangst die Inderkinder/Medizinstudenten vor ihren Lehrern/Professoren haben. Mein lieber Schieber! So viel Respekt hat glaube ich noch nicht einmal meine Grosselterngeneration vor den Paukern gehabt.
Und dass so eine Angst absolut kontraproduktiv ist, werden mir die Paedagogen da draussen sicherlich bestaetigen koennen, denn wenn die Hand zittert wie Espenlaub (schreibt man das so), dann kann man auch keine Wunde zunaehen. Und ich bin ja auch immer noch der Ansicht: eine gefluesterte Antwort ist keine Antwort.
georgy_buechner - 5. Sep, 09:41
Ja, das war mein Nachmittag:
Isch steh am Beggerand/
un wasch mei Sogge/
dann wring isch sie aus/
dann sin se trogge
Hey ihr leit heart gut zu/
des is da soggewaeschablues.
Nachdem die Laundry hier 5Rs (10Cent) das Stueck (egal ob Stringtanga oder Ganzkoerper-Elvis-Kostuem) kostet, dachte ich, es waere vernuenftig, die Socken vielleicht selbst zu reinigen. Gestern war es mal wieder so weit. Ach und neulich ist mir meine Aryuvedaseife ins Klo gefallen, das war etwas aergerlich.
Was fuer ein herrlich ueberfluessiger Blogeintrag...
georgy_buechner - 4. Sep, 13:53
Der Chef der Generalchirurgen hatte ja angedeutet, dass ich fuer die letzten ein bis zwei Wochen nochmal das Department wechseln koennte und nachdem ich zunaechst mit den Orthopaeden geliebaeugelt hatte, habe ich mich nun doch dem plastischen Chirurgen angeschlossen, vornehmlich, weil der einen im Grunde die komplette OP machen laesst. Zum Beispiel submandibulaeres Lipom entfernen (das sich dann als Talgzyste herausstellte, man stelle sich einen Eiterpickel von 2cm Durchmesser vor, der unter der Haut liegt und wenn man ihn anschneidet, froehlich beginnt sich auszuquetschen). Oder auch mal Hauttransplantate herstellen und verpflanzen. Grosser Spass!
Im Anschluss an den ersten OP-Tag bin ich dann auch gleich in sein Auto geladen worden (dass die meiste Zeit von seinem Achtjaehrigen(!) Sohn gefahren wurde, der auf dem Schoss des Vaters sass und selbstaendig lenken, schalten, bremsen, gasgeben kann), um mit ihm in seine Heimatstadt zu fahren, denn Montag war Krishnas geburtstag. Die Hindus haengen dann Heiligenbilder von Krishna auf dem Arm der Mutter auf und bis auf die Tatsache, dass Krishna als Baby blau war, sehen diese Bilder wie Madonnendarstellungen aus.
Gegen Abend fand eine grosse Prozession statt, bei der die Kinder der Stadt allesamt als kleine Krishnas verkleidet durch die Gegend marschierten (man stelle sich oberkoerperfreie Sternsinger vor) und aus grossen, an Rickshaws befestigten Lautsprechern das "Hare Hare Krishna Krishna Hare Krishna Hare" erklang.
Apropos Haare: diesbez. kann ich uebrigens nur immer wieder auf das unsaegliche Lied von Joachim Deutschland verweisen, "sie sind neidisch auf meine Haare", jeder liebt meine Haarfarbe und alle wollen wissen, ob das Natur ist (ich meine, hey, wer faerbt sich die Haare schon Strassenkoeterblond?) Dass Le Friseur leider etwas gelitten hat, da ich mich in die Haende eines dem englischen nicht maechtigen Friseur ergeben habe muessen (sie wurden einfach viel zu lang und das war nichts fuers Krankenhaus, wo sie doch hier mit solchen Sachen bei ihren eigenen Studenten so wahnsinns streng sind) und natuerlich werden auch gezeigte zwei Zentimeter froehlich missverstanden. Auf Wiedersehen Deckhaar, herzlich willkommen Quadratschaedel. Naja, verwaechst sich schon langsam, is ein paar Wochen her.
georgy_buechner - 4. Sep, 13:37
Auch Samstags wird normal gearbeitet. Eigentlich. Jede Abteilung versucht aber, so wenig OPs wie moeglich auf den Samstag zu legen. Verstaendlich. Dementsprechend waren heute nur die Orthopaeden am operieren (weil die immer am operieren sind), allerdings nur eine groessere (Trochanter #) und drei kleine (eine ohne Anaesthesie, zwei nur mit Gasschnueffeln) Prozedur. Die einzelnen OPs fanden zwar in zwei verschiedenen Saaelen, aber alle zeitlich hintereinander statt. Worauf ich hinaus will: ich habe 7 (!!!), in Worten SIEBEN fertig ausgebildete Anesthesisten auf dem Gang stehen sehen, die allesamt NICHTS zu tun hatten, aber den GANZEN Samstagvormittag eingeteilt waren. Und als ich mich dann fragte, wer denn nun eigentlich die Anaesthesie der laufenden OP gerade macht, wurde mir bewusst, dass Nr. 8 damit gerade beschaeftigt war. Wenn das mal nicht ein sauberes Management ist...
Aber so isses bei allem. Drei bis vier Leute operieren, zwei bis drei OP-Schwestern sind steril, die Anesthesie hat in der Regel ebenfalls zwei Assistenten, der Chefarzt operiert zwar nicht, kuckt aber meistens zu und dann sind pro Saal etwa vier bis fuenf Springer eingeteilt. Wenn dann auch noch Studentenunterricht stattfindet, stehen 20 (!) Jungs und Maedels im Weg und dann sind wir fuer ne Leistenhernie, mich eingeschlossen etwa 37 Personen, die gleichzeitig um den Patienten Ringelreien tanzen. Und das ist kein Maerchen, sondern in dieser Form durchaus schon vorgekommen. Bei Notfall-OPs in der Nacht ist man immerhin zu neunt (in Dtl. meist zu viert) . Und trotzdem dauert jeder Eingriff dreimal so lange wie bei uns, weil niemand, aber auch wirklich gar niemand mitdenkt, geschweige denn weiss, was er denn zu tun hat und wenn dann nach etwas verlangt wird (Handschuhe in ner anderen Groesse), machen sich vier Leute auf die Suche, so dass, sollte in den fuenf Minuten, bis sie wiederkommen, noch etwas anderes fehlen, niemand da ist, um sich dadrum zu kuemmern. Schlimmschlimm.
georgy_buechner - 1. Sep, 08:00
Eines der meistgebrauchten Woerter vom Otto, "Fellow", hat er sich hoechstwahrscheinlich in Kerala abgeschaut. Hier ist auch alles und jeder ein "Fellow". Ein guter Freund, ein inkompetenter Pfleger, eine einzeln stehende Palme, eine Pinzette, eine Klemme, Patienten, Studenten, Aerzte, alles.
Mehr oder weniger im Zusammenhang dazu eine Frage an den Sprachwissenschaftler: wie ist ein Dialekt definiert, wie ein Akzent? Moechte wissen/herausfinden, um was es sich beim indian english handelt...
georgy_buechner - 31. Aug, 09:10
Dass der Operationssaal im Britsh English, folglich also auch im Indian English als
"Operation Theatre" bezeichnet wird, das hatte ich ja bereits erwaehnt. Dass der Not-OP in der Botaufnahme folglich das
"Emergency Theatre" ist demzufolge nachvollziehbar und vom Begriff her mindestens genauso schoen. Vor allem, wenn man sich das so vorstellt:
"was haben wir hier?"
"nen Shakespeare"
"oh, das is n Koenigsdrama, da muessen wir nen Regisseur hinzuziehen"
Auftritt Regisseur.
"schon wieder n Shakespeare? Das is der dritte die Woche. Oh! Sehe schon, is n Richard III. Da brauchen wir nen Buehnenbildner. Und schickt mir ein paar Schauspieler in das Emergency Theatre. Wir fuehren noch heute auf!"
Und vor einigen Tagen bin ich ueber noch eine weitere Einrichtung gestolpert, das
"Postmortem Theatre". Da spielen sie wahrscheinlich die ganze Zeit Ibsens "Wenn wir Toten erwachen."

georgy_buechner - 31. Aug, 08:58
Mehr und mehr Kontakt mit den Orthopaeden fuehrte dazu, dass ich vor zwei, drei Tagen meine erste Schraube in einen Knochen hauen durfte. Hier ein paar so gefallene Saetze aus dem OP in englisch, weil sie sonst nicht lustig sind.
"Do you know how to screw?"
"Yes."
"Have you screwed before?"
"No."
"What is the most important thing if you want to screw?"
"First you need a hole that you can screw."
"Right. So if you want to screw, you either have to find a hole or you have to make a hole that you can screw. Would you like to screw?"
"Yes please."
Und nach der Prozedur:
"Now you can tell your friends in Germany that you finally screwed somebody."
Und dass der Patient waehrenddessen (da Spinale) in allen ihm bekannten Sprachen das OP-Team angesprochen hat und ich auf diese Weise auch ein paar Brocken Franzoesisch ausgraben musste, dass die OP irgendwann nach 11pm stattfand und dass die Ortho-Jungs ob des grandiosen Wortspieles mit dem Schrauben bestgelaunt zu Werke waren, machte diesen Abend zu einem der bisherigen Hoehepunkte des Krankenhausaufenthaltes.
georgy_buechner - 28. Aug, 08:14
Ben Becker ausser Lebensgefahr. Danke GMX fuer dies Information. Trinkt bitte alle ein Eichbaum fuer mich mit!

georgy_buechner - 28. Aug, 07:08
Jetzt hab ich gestern doch glatt vergessen, mir in meinem Blog selbst zum Geburtstag zu gratulieren. Sei hiermit geschehen, herzlichen Glueckwunsch Tobias!
Der Zufall war gnaedig mit mir und so hat er dafuer gesorgt, dass das zehntaegige Onamfestival, das wichtigste Fest in Kerala (ein jahrhunderte alter Koenig kommt aus der Unterwelt vorbei und checkt ab, was heutzutage in Kerala so abgeht und das wird gefeiert), zwar nicht am 23. August beginnt, aber so wie die Weihnachtsfeiern vom Schorlefreunde Kurpfalz e.V. (hier habe ich vom Herrn Haefner geklaut, der leider im Gegensatz zum Herrn Feger noch keinen Blog hat) in Deutschland ja auch nicht am 24. Dezember, sondern irgendwo davor in der schlimmsten, vornehmlich als Vorweihnachtszeit bezeichneten, Zeit des Jahres stattfinden, genau so wird eben auch hier im Krankenhaus schonmal vorgefeiert. Ist auch sinnvoll, denn ueber die Feiertage ist mit vermehrten Road Traffic Accidents zu rechnen und so erwarte ich geschaeftiges Treiben in der Notaufnahme.
Die Feier selbst besteht aus Competitions, jede Gruppe von Beschaeftigten, Nurses, Doctors, Securities, Administration, Medical Students, College of Pharmacy, Dentistry, College of Nursing, alle machen sie bei allem irgendwie mit und am Ende gibts Punkte dafuer. Die Disziplinen reichen vom Blumenarrangement ueber das Raeucherstaebchenazuenden, an Seilen haengende Toepfe mit verbundenen Augen und Bambusstaeben zerschlagen (und dabei andere Leute versehentlich krankenhausreif pruegeln), Tauziehen, Sackhuepfen und Tanzen bis hin zum indischen Karaoke. Mittags speist Jesus die Massen und alle kriegen Reis und Curry satt, in einer oktoberfestzeltgrossen semistabilen Blechhuette mit viel zu lauter Musik und viel zu viel Menschen pro Quadratmeter. Gegessen wird hastig, weil drei weitere Kohorten an Menschen darauf warten, an die Reihe zu kommen, aber danach is man auch gemaestet fuer die naechsten zwei Wochen.
Abends wurde ich dann von einem Chirurgen zum Doeneressen in die Stadt eingeladen und durfte feststellen, dass man den hier doch mit etwas mehr Knoblauchsauce als das wohl bei uns ueblich sein mag, veredelt, und als ich dann nachts von der Notaufnahme, in der bis auf einen Alkoholiker mit Haematemesis und reichlich betrunkenen Male Nurses nichts zu sehen war, in mein Hostel ging, traf ich auf mindestens genauso beduedelte Kardiologen auf dem Gang, die mir dann dankenswerter Weise noch ein Glas Whisky spendierten. Warum das wiederum erwaehnenswert ist, liegt in der Natur der Sache respektive Keralas. Alkohol ist sozial verpoent, die Feierein sind rein antialkoholisch, zum essen gibts weder Bier noch Wein, nirgendswo, aber trotzdem sind alle betrunken. Insgesamt kann man sagen, dass, durch alle Altersgruppen in gewisser Weise Landschulheimmentalitaet herrscht: Jungs und Maedchen schlafen in getrennten Haeusern und duerfen das jeweils andere Haus nicht betreten, zum Topfschlagen treffen sich alle im Hof, bei jeder Gelegenheit haelt der Principal eine Moralpredigt, die alle langweilig finden und besoffen wird sich heimlich aber hemmungslos auf dem Zimmer und das aus praktischen Gruenden mit hochprozentigem Fusel. Das verursacht meiner Ansicht nach mehr Probleme als der Liberalismus, der uns Europaer in gewisser Weise permanent geisselt, aber es ist nicht meine Aufgabe, darueber zu urteilen. Die Lehrmethoden und -strukturen betrachtend, habe ich allerdings doch das eine oder andere Mal ueberlegt, eine 68er-Gedaechtniskerze anzuzuenden.
georgy_buechner - 24. Aug, 10:50